Andacht: Was, wofür und wie wirkt das Gebet?

Liebe Leser/innen,

„Bete und Arbeite“: so lautet ein deutsches Sprichwort am Gebäude eines Gymnasiums in Hermannsburg, das mir vor 19 Jahre ins Auge fiel. Ich habe gefragt, was das bedeutet und die Antwort zu meiner Frage war: ein Mensch, der betet und arbeitet kann überleben, deshalb ist Beten und Arbeiten nicht voneinander zu trennen.

Ein ähnliches Sprichwort gibt es auch in meiner Muttersprache Oromo und es lautet: „Qomoon Nyaattuu fi Qomoon Sagaddu hinbaddu“ (dt.: der Stamm, der betet und isst, wird nicht aussterben). Das heißt, ein Mensch braucht leibliche und geistliche Nahrung, nämlich das Essen und das Gebet, um zu leben oder zu überleben. Beide helfen, unsere seelischen und körperlichen Krankheiten zu heilen.

„Das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten… Ihr sollt füreinander beten, damit ihr geheilt werdet“: so steht geschrieben im Jakobusbrief (Jak 5, 13ff). Damit möchte der Apostel Jakobus den Glauben durch Gebet dienstbar machen.
Für die sogenannte moderne Gesellschaft heilt nur die Medizin alle Krankheiten. Deshalb ist für sie dieser biblischen Text schwer zu verstehen. Im Gegenteil dazu glaubt man in den afrikanischen Gesellschaften, dass der Priester der afrikanischen Religionen eine Macht hat, durch Gebet böse Geister auszutreiben, Hexerei abzuwehren und Kranke zu heilen. Dieser kulturelle Hintergrund hilft den afrikanischen Christen, die biblische Heilung zu verstehen.

Meine Frage an die Leser/Leserin: Hilft das Gebet kranke Menschen zu heilen?

Ich glaube schon! Wer glaubt, der betet und wer betet, hat Hoffnung und wer hofft, wird eher geheilt. Das Gebet ist für mich ein Brunnen der Kraft. Ich bin nicht allein, wenn ich das glaube. Damals glaubten die Propheten, dass Beten helfen kann. Im Buch des Prophet Jeremia (Jer 17,14) betete der Prophet und sagte: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil“.

Das Beten braucht keine komplizierte philosophische Rede. Das Gebet ist auch Flehen, Klagen und Rufen. Es ist auch Dank, Bitte und Fürbitte. Im Gebet schaffe ich mir einen Raum der Stille und komme zu mir selbst, öffne mein Leben und komme zu Gott. Das Gebet kann ermöglichen, meine Ängste und Sorgen vor Gott auszubreiten oder abzulegen. Im Gebet bekomme ich die Kraft und Gelassenheit zu sagen: Gott, dein Wille geschehe, nicht meiner. Durch das Gebet kann sich meine Sichtweise und meine Perspektive im Bezug auf meine Probleme verändern.

Im Gebet und in der Fürbitte trete ich für andere Menschen ein. Das Gebet ist wie ein Netz, in das hinein wir uns fallen lassen können. Mit unserem Gebet knüpfen wir selbst mit an dem Netz, das andere tragen soll. Ja, wenn ich um das Gebet der anderen um mich selbst weiß, dann weiß ich mich selbst getragen. Ja, das Gebet ist eine geistige Kraft, eine Medizin für mich selbst, für andere Menschen und für die ganze Welt. Das Gebet in der Gemeinschaft ist der Brennpunkt unserer Gottesdienste.

Insgesamt will ich für mich, für uns und für die Welt, in der ich lebe, heilsam sein. Dafür bete ich zu Gott. Darum gehört das Gebet zu jedem Gottesdienst.

Gott helfe uns an ihn zu glauben und ihn anzubeten. Amen.

Ihr Pastor Tesso Benti