Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Viele Menschen kennen die Geschichte vom Turmbau zu Babel die im 1. Buch Mose 11 (der vorgeschlagene Predigttext) steht. Diese Geschichte handele von der Selbstüberschätzung der Menschen, Gott gleich sein zu wollen. Deshalb ist der Vielfalt der menschlichen Sprachen eine gerechte Strafe damit die Menschen sie sich nicht mehr verständigen können und ihren Plan aufgeben müssen.

Aber: Was wäre, wenn es ganz anders wäre? Was wäre, wenn nicht der Turmbau die menschliche Anmaßung wäre, sondern der menschliche Wunsch, dass alle mit möglichst einer Sprache reden? Was wäre, wenn die Verwirrung der Sprachen durch Gott nicht Strafe, sondern Ausdruck seiner Liebe zum Leben und ein Geschenk der Freiheit wäre? Hören wir auf die Geschichte:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt, hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. 1Mose 11, 1-9

In diese Geschichte hören wir, dass die Menschen eine Stadt gebaut haben, um miteinander als Gemeinschaft zu wohnen. Die Geschichte spielgelt sich die menschliche Sehnsucht von sich Namen zumachen.  Zugleich spiegelt sich die Geschichte die menschliche Angst, über die ganze Erde zerstreut zu werden. Es gibt auch andere Grund, warum sie die Stadt gegründet haben, nämlich um eine Einheitskultur zu schaffen und damit eine Herrschaft über alle Menschen ermöglicht wird.

Solches Herrschaftsstreben bildet sich immer wieder in der Menschheitsgeschichte ab in Projekten sogenannter Herrschaftsarchitektur, von Babylon über Rom und Berlin bis Pjönjang: Herrschende, auch Kirchenfürsten, versuchen, den Zusammenhalt einer Gesellschaft durch Kolossalbauten zu sichern. Die Kirchengebäude waren von Fürsten missbraucht, um die Menschen zu ausbeuten oder zu unterdrücken.  Gleichzeitig wurden die kirchlichen Räume als Begegnungszentrum für Freiheitskämpfer benützt. Es gibt ein gutes Beispiel in Deutschland.  Trotz der Versuche, das Christentum aus den Stadtbildern zu tilgen, war es der Kirche in der DDR einigermaßen gelungen, Einmischungen des Staates in die innerkirchlichen Angelegenheiten abzuwehren und sich einigermaßen als staatsfreier Raum zu behaupten. So konnten viele Kirchengemeinden in den achtziger Jahren sozusagen zu „Basislagern“ oppositioneller Bewegungen werden. Friedensbewegung, Umweltbewegung- und Menschenrechtsgruppen konnten im Jahrzehnt vor der Wende den Freiraum der Kirchen nutzen. Sogar Punk-Bands durften in Kirchen und Gemeindehäusern auftreten.

Unter dem Dach der Kirche sammelten sich unterschiedliche Menschen, die sich nicht in eine Einheitspartei und nicht in eine Einheitskultur zwingen ließen. Sie waren sich zumindest darin einig, dass solche Einheit immer Einzelnen das Denken abnimmt, entmündigt, die Einzigartigkeit und Einmaligkeit zerstört, das Rückgrat bricht. Darum sangen sie ihre Lieder und hörten ihre Musik, obwohl es verboten war, und freuten sich ebenso über diese Buntheit und Vielfalt wie über die wachsende Hilflosigkeit der Herrschenden. Trotz vom Staat verordneten Gleichmarschs und trotz öffentlich gefeierter Uniformität mussten die Herrschenden erleben, dass sie und ihr Volk sich mehr und mehr voneinander entfremdeten, sie nicht mehr die gleiche Sprache sprachen. Die da oben begriffen einfach nicht, was die Menschen bewegte. Die da unten aber, die sich widersetzten und schließlich gestärkt durch den Geist der Gebete auf die Straßen gingen, waren sich einig in ihrer Haltung gegen den Einheitswahn und brachten Regime und Mauer friedlich zu Fall. Nicht Einheit macht stark, sondern Einigkeit. Einigkeit aber setzt Verschiedenheit voraus.

Der Entschluss Gottes, in die Stadt Babel hinunterzusteigen und ihre Sprache zu verwirren, ist keine Strafe für die Menschen, sondern eine göttliche Befreiungstat, die die Ambitionen eines übergriffigen Systems begrenzt. Da steht nämlich nicht, dass die verschiedenen Sprachen und Völker in diesem Moment erst geschaffen werden (vgl. 1. Mose 10, 5, 20, 31), sondern es wird erzählt, dass ihre Sprache verwirrt wurde, „damit keiner des anderen Sprache verstehe“! Gott greift ein, damit sein guter Plan für die Zukunft nicht vereitelt wird: die Vielfalt und Freiheit der Völker, Sprachen, Kulturen und ihrer Geschichte. Die Vielfalt der Sprachen ist also nicht die Folge menschlicher Sünde oder gar eine göttliche Strafe, sondern von Gott gewollt.

So gesehen ist die Pfingstgeschichte auch nicht eine „Antigeschichte“ zur Turmbaugeschichte, sondern sie nimmt den in den Urgeschichten angelegten roten Faden auf und führt ihn fort. Die aus vielen Völkern für die Festtage in Jerusalem versammelten frommen Juden hören die Apostel in ihrem regionalen galiläischen Dialekt predigen. Überraschenderweise versteht sie aber jeder in seiner eigenen Muttersprache! Das Pfingstwunder ist eigentlich gar kein Sprachenwunder, denn die Jünger reden weder in einer anderen noch gar in einer himmlischen Sprache. Pfingsten ist ein Hörwunder; alle hören die Apostel in der je eigenen Muttersprache die großen Taten Gottes verkünden! Der Heilige Geist schaltet die Vielfalt nicht aus. Im Gegenteil: Er bestätigt und würdigt die von Gott gestiftete sprachliche und kulturelle Vielfalt der Menschen. Der Geist Gottes schafft an Pfingsten etwas Neues: Eine Verbundenheit, eine versöhnte, mehrsprachige Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu. Das ist nicht weniger als der Beginn einer neuen Gesellschaft.

Am Ende steht die Stadt nach Gottes Herzen, das himmlische Jerusalem (Offenb. 21,1-7). Sie markiert das Ende aller globalen Unterdrückungssysteme, wie sie dem Seher Johannes in der Gestalt des römischen Imperiums vor Augen standen. An diesem Ende werden die Nationen nicht etwa aufgelöst, sondern gelangen die Völker im Licht Gottes zu der ihnen eigenen Würde, wie es schon der Prophet Jesaja in seiner Vision von der Völkerwallfahrt zum Zion gesehen hat (Jesaja 2).

Von Babel über Pfingsten bis zum Seher Johannes lässt Gottes Wort keinen Zweifel daran, dass er auf seiner Erde eine kulturelle Vielfalt will, in der nicht eine Kultur über die andere herrscht. Vielmehr sollen diejenigen, die Macht haben, sie abgeben zugunsten derjenigen, die Unterdrückung erleiden.

Die meisten Menschen dieser Erde erleben es anders: Moderne Technologien setzen die Trends, die Weltsprache ist Englisch. Wer da nicht hinterherkommt, wird abgehängt. In einem Wirtschaftssystem, in dem alles zur käuflichen Ware wird, werden einzelne Kulturen zu Leitkulturen: Alle sollen „unsere“ Musik, Lebensmittel und Medien konsumieren, alle sollen sich nach „unserer“ Mode kleiden. Schlank und hellhäutig ist universales Schönheitsideal. Was noch abweicht, steht unter dem Druck, sich anzupassen oder zu verschwinden.

Die Pfingstgeschichte erzählt eine bessere Globalisierungsgeschichte. Mit dem Geist Gottes erhält die christliche Gemeinde die Gabe, über alle Sprachbarrieren hinweg Menschen aller Nationen und Kulturen zu erreichen. Alle behalten ihre Eigenheiten, alle bleiben verschieden; es gibt aber ein gemeinsames Verständnis, einen gemeinsamen Geist, aus dem ein Wir-Gefühl entsteht. Die Gemeinschaft, die da geboren wird, entsteht auf der Basis eines gemeinsamen Glaubens, jenseits von Nation, Familie, Ethnie, Klasse: Globalisierung, die nicht die Uniformierung der Welt bedeutet, sondern Verständigung in der Verschiedenheit. Das sichert Der Deutscher Grundgesetzt, der heute vor 72 Jahren, am 23. Mai 1949, verabschiedet wurde. Die Würde eines jeden Menschen, die Meinungs- und Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – all das ist auch aus dem Geist erwachsen, durch den Gott das Leben auf dieser Erde ermöglicht.

Wenn wir ernst machen mit diesem Geist und vor allem IN diesem Geist, dann werden in der christlichen Gemeinschaft vor Ort Menschen aller Schichten, unterschiedlicher ethnischer Herkunft und jeder Generation erleben, wie sie nicht nur die eigenen Mitglieder, sondern auch ihre Umgebung in heilsamer Gegen- und Subkultur verändern können. Dazu verhelfe uns Gott der Vater, der uns geschaffen hat, der Sohn der uns von Sünden befreiet hat und der Heilige Geist, der uns lehren kann. 

Amen.

Pastor Benti