„Am nächsten Tag hörte die große Menge, die sich zum Fest in der Stadt aufhielt: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Da nahmen sie Palmzweige und liefen ihm entgegen. Sie riefen: ‚Hosianna! Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!‘ Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf… Die Jünger von Jesus verstanden das zunächst nicht… Die vielen Leute, die dabei gewesen waren, bezeugten: ‚Er hat den Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn von den Toten auferweckt!‘ Deshalb kam ihm ja auch die Volksmenge entgegen. Sie alle hatten gehört, dass er dieses Zeichen getan hatte. Aber die Pharisäer sagten zueinander: ‚Da merkt ihr, dass ihr nichts machen könnt. Alle Welt läuft ihm nach.‘“ (Johannesevangelium, Kapitel 12)

Liebe Leserinnen und Leser,

triumphale Einzüge sind noch heute eine große Sache. Fussballweltmeister*innen oder großen, meist monarchischen Persönlichkeiten wird diese Ehre zuteil. Doch die Ehre ist nicht ungeteilt  –  wie schon zu Jesu Zeiten: Manche stehen abseits und sind skeptisch, ablehnend oder gar feindselig gegenüber solchen Vorgängen. Bei Jesus ist auch noch etwas eher Befremdliches daran, denn er reitet nicht etwa auf einem edlen Pferd in die Stadt Jerusalem, sondern auf einem jungen Esel.

Was muss das für ein Bild abgegeben haben: Ein erwachsener Mann auf solch einem kleinen, noch nicht ausgewachsenen Reittier, schaukelnd, die Füße auf dem Boden schleifend? Fast närrisch in den Augen mancher, Ärgernis erregend für andere. Es scheint ein Bild für das zu sein, was ihm in naher Zukunft geschehen wird: Er wird verlacht und verhöhnt von den einen, und von den anderen wütend beschimpft werden. Selbst die, die ihm jetzt zujubeln, werden sich am dunkelsten Tag, an dem alles zu Ende gehen wird, von ihm abwenden. Und die Jünger, die kaum verstehen, was beim Einzug in Jerusalem vor sich geht, werden ihn bald allein lassen, werden sich in alle Himmelsrichtungen versprengen; Einzug als steter Abstieg. Triumph und Niedergang liegen in der Welt so nahe. Personen des öffentlichen Lebens werden erst in den Himmel gehoben, dann mitunter schon beim kleinsten Vorkommnis, das nicht ins Bild passt, fallen gelassen, vom Sockel gestoßen. Jesus scheint es ähnlich zu gehen. Da kann man wohl nichts machen.

Aber dennoch wird dieser Einzug in anderer Weise in einen Triumph münden, als die Welt ahnt. Wir wissen: Der Weg führt Jesus hinauf ans Kreuz, wo all die Triumphe, die Siege, die Errungenschaften in der Welt zunichte werden. Am Kreuz werden sie als das entlarvt, was sie sind: Taten auf Kosten anderer allein zum Ruhm derer, die sie begangen haben. Schon beim Einzug auf dem jungen Esel deutet sich an, dass Jesus bei weltlichen Triumphen nicht mitmacht. Er handelt einzig und allein im Auftrag Gottes, seines Vaters. Jesus geht mit diesem Auftrag und der darin mitgegebenen Kraft hinauf ans Kreuz, wird dann hinunter genommen und ins Grab gelegt, und am dritten Tage wird er hinauf kommen zu einem völlig neuen Leben. Das ist ein völlig anderer Triumph als all diejenigen, die in der Welt zustande kommen könnten. Das ist der Triumph des Lebens über den Tod, der Triumph des Aufstiegs aller über den Erfolg der wenigen.

Wir erleben in diesen Tagen, dass immer mehr Menschen sich fragen, ob wir mit den Maßnahmen und Vorkehrungen tatsächlich die Pandemie bekämpfen können. Da kommt dann eine Politikerin vor die Kameras, wird demütig und entschuldigt sich bei der Bevölkerung für einen Fehler. Es ist eine Handlung, der viele großen Respekt zollen, zumal sie so selten im politischen Betrieb vorkommt. Hierin liegt vielleicht ein Triumph im Kleinen, im scheinbaren Scheitern. Nicht der Ruhm der großen Tat, sondern wohl eher die Zurücknahme eines Fehlers lässt die Tat erkennen, die sich noch der Verantwortung gegenüber einer anderen Macht und Kraft verdankt weiß.

Wir haben einander viel zu verzeihen, so sagte es im letzten Jahr ein anderer Politiker. Mit Jesus Christus, der auf einem Esel reitet, kommt die Fähigkeit zu uns, Geduld und die Möglichkeit zu verzeihen aufzubringen.

Amen