Pandemie 2020 –
Nachdenken über Sünde, Gleichheit und Verletzbarkeit



Liebe Gemeinde,


die Pandemie hat die Welt im Griff, wenn auch weniger strikt als noch im Frühjahr. Die Infektionszahlen steigen zwar wieder, wir wissen aber inzwischen mehr und können uns anders verhalten. Über Seuchen und Plagen weiss die Bibel manches zu sagen. In der Lesung haben wir aus dem alten Testament aus dem Buch Ezechiel gehört.


Im Jahr 597 v.Chr. wurde der Prophet Ezechiel zusammen mit König Jojachin von Juda und vielen Bewohnern Jerusalems von König Nebukadnezar nach Babylon deportiert.


Ezechiel interpretierte die Ereignisse der zweimaligen Eroberung und dann völligen Vernichtung Jerusalems wie wir auch schon gehört haben eindeutig:


„Weil ihr noch aufsässiger gewesen seid als die Völker rings um Euch, weil ihr nicht nach meinen Gesetzen gelebt und meine Rechtsvorschriften nicht befolgt habt, ja weil ihr nicht einmal nach den Bräuchen der Völker ringsum gehandelt habt, darum – so spricht Gott, der Herr:


Nun gehe ich gegen Dich (Jerusalem) vor…

Ich werde ein Strafgericht über dich abhalten und werde die Menschen, die in dir noch übrig sind, in alle Winde zerstreuen…
Ein Drittel deiner Einwohner wird an der Pest sterben und durch den Hunger in der Stadt zugrunde gehen.
Ein anderes Drittel wird vor deinen Mauern durch das Schwert umkommen.
Das letzte Drittel werde ich in alle Winde zerstreuen…
Um euren Hunger zu vergrößern, entziehe ich euch den Vorrat an Brot. Hungersnot und wilde Tiere schicke ich gegen dich, damit sie dir deine Kinder rauben.
Pest und Blutvergießen sollen über dich kommen.
Ich bringe das Schwert über dich. Ich, der Herr, habe gesprochen.“


Das ist eine brutale Rede.


Analysiert man sie auf ihre Argumente, so ist die Eroberung Jerusalems selbstverschuldet. Belagerung der Stadt, Zerstörung des Umlandes, Hunger, gewaltsamer Tod vieler Einwohner durch die Babylonier und begleitende Krankheiten: das alles ist die eigene Schuld der Menschen in Jerusalem. Sie haben sich nicht an die Vorschriften Gottes zu einem guten und gerechten und gottesfürchtigen Leben gehalten, haben gesündigt. Die Strafe ist fürchterlich und bezieht alle mit ein: Männer, Frauen und Kinder.


Der Prophet Ezechiel hatte eine enorme Bedeutung für den Zusammenhalt der verschleppten Israeliten in Babylon. Im Exil hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Ausübung der Religion nicht ortsabhängig ist, sondern überall dort, wo eine Gemeinde zusammenkommt, Gottesdienst gefeiert werden kann. Der Glaube und der Zusammenhalt der Gemeinde festigte sich, und das war letztlich die Voraussetzung dafür, dass nach der Eroberung Babylons durch Kyros von Persien die Gemeinde schließlich zurückkehren und Jerusalem wiederbeleben konnte.


An diesem Text wird deutlich, dass wir Menschen unabhängig vom Zeitalter, dem politischen System und der Kultur Erklärungen brauchen, um Ereignisse, denen wir ausgeliefert sind, einzuordnen und mit ihnen zu leben.


Es ist eine Menschheitserfahrung: wenn viele Menschen in kriegerischen Auseinandersetzungen getötet werden, folgen ansteckende Krankheiten, an denen wieder viele Menschen sterben und es folgt Hunger, weil die Vorräte vernichtet oder gestohlen werden und zu wenige Arbeitskräfte da sind, um die Felder zu bestellen. Diese Zusammenhänge gelten bis heute und sind auch bei uns in Deutschland nach den Weltkriegen noch im kollektiven Gedächtnis.


Auf die implizit gestellte Frage: „Woher kommt all das?“, antwortet Ezechiel: „Von Gott“.
Er straft die Menschen. Das ist eine eindeutige Aussage. Sie ist schrecklich, hilft aber beim Einordnen des Geschehens.
Sie enthält auch implizit eine Hoffnung: wenn die Menschen gottesfürchtig leben, nicht sündigen, kommen keine Eroberer, keine Seuchen und kein Hunger. Die Menschen können etwas dafür tun.


Die Ursache der furchtbaren Ereignisse und Hoffnung, dass so etwas nicht mehr geschehen kann, wird von Ezechiel dem menschlichen Verhalten zugeordnet. Der Wertmaßstab aber liegt im Transzendenten, dem Menschen nicht Zugänglichen, im Willen Gottes.

Ezechiel bemüht eine transzendent begründete Moral, um Krieg, Seuchen und Hunger und damit den vielfachen menschlichen Tod zu erklären und nutzt ein wirkmächtiges Instrument, das es ihm erlaubt, seinen Einfluss auf die exilierte Gemeinde zu festigen und zu stärken.


Heute sagt niemand mehr so krass in der Öffentlichkeit: ihr seid selbst schuld an der Corona-Pandemie, weil ihr nicht gottesfürchtig gelebt habt.


Aber wir finden Varianten der Strafe Gottes und der Hoffnung durch besseres Verhalten schlimme Zustände vermeiden zu können, wenn wir in die Zeitungen, Leserbriefe und Kommentare der Medien sehen.


Die „Natur“ ist in den letzte Jahrzehnten im Bemühen um mehr Schutz für Pflanzen, Tiere, ganze Ökosysteme, des Wassers, jüngst in der Variante des Klimas für viele Menschen nicht nur ein politisches Anliegen, sondern zu einer Art Ersatz für Gott geworden. Für Christinnen und Christen bedeutet dieses Bemühen die Bewahrung der Schöpfung.


Durch unseren modernen Lebensstil, Reisen, globalisierte Warenströme, Arbeitsmigration, offene Grenzen, Ausbeutung der Natur, Umweltverschmutzung, ungezügeltes Wirtschaftswachstum, Zurückdrängen der letzten Naturreservate – die Liste lässt sich beliebig verlängern – bedrängen wir die Natur, die Schöpfung, so sehr, dass sie gewissermassen mit ihren kleinsten Nicht-Ganz-Lebewesen, den Viren, zurückschlägt. Diese Überlegungen waren jetzt oft in Leserbriefen zu finden. Ganz leise hört man aus dem Buch Ezechiel durchklingen, dass durch sündiges Verhalten eine Katastrophe entstanden ist. Auch heute brauchen die Menschen einen Erklärungszusammenhang.

Ein weiteres Beispiel: Im Frühsommer wurde von der Bundesumweltministerin der Bericht zum internationalen Artenschutz vorgestellt.


Der Öffentlichkeit wurde vermittelt, dass durch Ausweitung von Ackerflächen oder anders von Menschen genutzten Flächen, Wildtiere weniger Platz haben, damit Wildtiere und Menschen enger aneinanderrücken und dadurch die Gefahr von Infektionen, die von Tieren auf Menschen übergehen, wie jetzt beim SARS-Virus, größer wird. Implizit ist dort die Aussage enthalten: die Menschen rücken der Natur zu Leibe und die Natur schlägt zurück. Also sind die Menschen selber schuld, sie können aber etwas tun, indem sie anders mit Wildtieren bzw. der Natur umgehen.


Es steckt ein politisches Kalkül in einer solchen Aussage. Gebt Euch mehr Mühe mit dem Artenschutz, mit dem Naturschutz, mit dem Klimaschutz, dann verringert ihr die Wahrscheinlichkeit von Pandemien und damit Erkrankung und Tod von lieben Menschen, wirtschaftlichem Niedergang mit allen Folgen von Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Schulden. Damit erringt ein Ministerium die öffentliche Aufmerksamkeit und im besten Falle ein höheres Jahresbudget, um die eigenen Projekte besser vorantreiben zu können. Das ist nicht verwerflich, aber es ist ein Kalkül.


Vielleicht hat ein politisches Kalkül auch bei Ezechiel eine Rolle gespielt, dem Propheten, der unter so unendlichen schweren Bedingungen den Glauben an den einen Gott bewahren und festigen wollte. Unter den traumatischen Erfahrungen des Todes von Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden in Jerusalem, der Vertreibung aus der Heimatstadt und einer völlig ungewissen Zukunft bei nachlassenden Bindungen innerhalb der Gemeinschaft.

Betrachten wir das Geschehen mit den Augen der Wissenschaft, die auch nach Erklärungen sucht, aber diese Erklärungen auf Modelle stützt, die widerlegbar sind, sehen wir anders. Menschen und Tiere leben seit Jahrtausenden mit der Sesshaftwerdung und dem Beginn des Ackerbaus in enger Gemeinschaft. Infektionsforscher sagen, dass in dieser Gemeinschaft das Risiko gegeben ist, dass Tierkrankheiten auf den Menschen übertragen werden und umgekehrt. Es kann auch mehrmals hin- und hergehen. Das hat man beim Grippevirus anhand von Stammbäumen, die über Jahrhunderte nachverfolgt wurden, belegt.


Die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney hat in ihrem Buch zur Spanischen Grippe umfassend aufgearbeitet, wie sich die Grippe durch die Demobilisierung der Soldaten nach dem 1. Weltkrieg, Handel und Reisen global in mehreren Wellen verbreitet hat.


Das Phänomen der Pandemie ist alt. Handelsbeziehungen haben Menschen bereits in der Steinzeit gepflegt. Die Pandemie ist keine Erscheinung der industriellen Revolution oder gar der Globalisierung im 21. Jahrhundert.


Wir hören heute oft, dass die Europäer, den nord- und südamerikanischen Einwohnern den Tod nicht nur durch Eroberungszüge brachten, sondern auch durch ihre Erkrankungen und die Europäer damit eine unabweisbare Schuld für alle Zeit auf sich geladen haben, eine entsetzliche Sünde. Die Europäer brachten die Grippe, die Diphterie, die Masern.


Die Pestpandemie von 1348/49 ist nach wie vor im Gedächtnis. Damals starb ein Drittel der Bevölkerung Europas. Die infizierten Ratten fuhren in den Handelsschiffen mit, die Erreger wurden via Flöhe auf Menschen übertragen und übertrugen sich dann von Mensch zu Mensch erst in den dicht besiedelten Städten, dann auch auf dem Land.


Die Pest kam aus China. Dort ist sie bis heute endemisch. Sie tötete 1348/49 ein Drittel aller Europäer und kehrte häufig zurück. Die Cholera kam aus Indien und hat ebenfalls hunderttausende Europäer getötet.


Die Liste läßt sich fortsetzen.


Wissenschaftlich gesehen werden Krankheitserreger schlicht durch Handel, Reisen, Militärbewegungen und auch Klimaveränderungen verbreitet und werden für diejenigen Bevölkerungen gefährlich, die sich noch nicht mit dem Erreger auseinandersetzen konnten. Es ist zunächst mal gleichgültig, welche Hautfarbe eine Bevölkerung hat, was für eine Kultur sie pflegt und was die eine über die andere denkt. Dass sich Krankheitserreger verbreiten, hat zunächst nichts mit Sünde zu tun. Wer keine Immunantwort hat, ist verletzlich.


Heute sind internationale Kontakte auf all den genannten Ebenen ungleich viel häufiger. Damit können neue Krankheitserreger oder bekannte mit neuen Eigenschaften schneller weiter verbreitet werden als früher. Das liegt ursächlich begründet in der Art wie wir leben.


Dass wir leben liegt in Gottes Hand, aber wie wir leben, liegt an uns.


Dieses Globalisierungsrad, das sich so schnell dreht mit Warentransport, Arbeitskräftewanderungen, Reisen zu jeder Jahreszeit überall hin, bietet beste Verbreitungswege für Entitäten, die noch nicht einmal die Kriterien des Lebens erfüllen, für Viren.

Das hat zu tun mit einer auf maximalen Gewinn ausgerichteten ökonomischen Rationalität. Diese Rationalität hat Lagerhaltung für ineffektiv erklärt. Effektiv ist nur, was sich unmittelbar in Profit verwandeln läßt. Liegende Rohstoffe, lagernde Waren wurden abgeschafft. Wer daran dachte, etwas zu lagern, wurde für ökonomisch dumm erklärt, ja für verantwortungslos.


Das hat zur Folge, dass wir keine Medikamentenlager haben. Das hat zur Folge, dass wir keine Schutzausrüstungen zur Verfügung hatten. Das hat auch dazu geführt, dass keine Pandemieplanung auf Ebene der Länder und der Kommunen gemacht wurde. Niemand wollte an diese Vorhaltekosten. Kosten aus Steuermitteln für Lagerhaltung. Für den Ernstfall.


Jetzt sehen wir, dass diese Form ökonomischer Rationalität zusammenbricht, wenn ein noch nicht mal lebendiges Ding um die Welt geht. Jetzt sehen wir, dass es Billionen von Euro kostet, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und damit auch Lebensperspektiven von Millionen von Menschen. Jetzt sehen wir, dass es Leben rettet, wenn wir Lager mit Schutzausrüstung haben. Und wir sehen, dass ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem eine Katastrophe verhindern kann.


Wie wir leben liegt an uns. Wir haben Gründe vieles in unserer Gesellschaft zu überdenken und politisch anders zu machen. Wir haben gute Gründe, mehr Planung und Geld in die Daseinsvorsorge zu investieren und es nicht schlechtzureden als inaktive Posten, die keinen Effekt bringen. Manchmal muss man 10 Jahre warten, um zu sehen, dass Vorsorge helfen kann.

Es wäre doch gut, wenn wir bei der nächsten Pandemie, schneller und gezielter reagieren können, uns vielleicht einen Lockdown ersparen, damit unsere besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen weiter unterstützen können und trotzdem weniger Kranke und Gestorbene haben?


Wenn wir uns innerhalb Europas durch gut durchdachte Absprachen gegenseitig helfen und genug Material zu Verfügung haben.


Es wäre doch gut, wenn wir eine international aufgestellte Helfertruppe hätten, die andere Länder in Afrika, Südamerika oder wo auch immer gezielt bei einer Epidemie wie mit dem Ebolavirus unterstützen könnten?


Der Respekt vor dem menschlichen Leben im Angesicht der Pandemie kann die Radikalität des neoliberalen Wirtschaftens zurückdrängen. Es gibt Bereiche, in denen Zusammenarbeit mehr hilft als Konkurrenz. Permanente globalisierte Waren- und Rohstoffströme garantieren keine Verfügbarkeit von Schutzmasken und Beatmungsgeräten. Es braucht eine durchdachte Lagerhaltung und belastbare internationale Absprachen.


Wir haben es in der Hand, wie wir leben. Und obwohl gerade Infektionskrankheiten einerseits die großen Gleichmacher sind, denn jeder kann krank werden und sterben, erkranken aber mehr Menschen und damit sterben auch mehr Menschen, die in einem Land mit schlecht ausgebautem Gesundheitssystem leben und wenig Geld haben. Und so zeigt uns der große Gleichmacher gleichzeitig im Brennglas die Ungerechtigkeiten in unseren Gesellschaften.

Eine Rede wie Ezechiel sie vor der jüdischen Gemeinde hielt, geht heute nicht mehr. Auch wenn der Zusammenhang von Sünde und Katastrophe in den Kommentaren vieler Zeitgenossen zumindest durchklingt, wenn es nicht ein politisches Kalkül ist.


Aber die freiwillige Einsicht im Sinne des Aufklärers Kant darf wachsen, dass ein Zusammenleben im Respekt vor der Einzigartigkeit menschlichen Lebens Daseinsvorsorge und nicht nur rastloses Produzieren braucht.

Amen.

Dr. med. Thela Wernstedt, MdL