Zu diesem besonderen Gottesdienst möchten wir herzlich einladen.

Liebe Titus-Gemeinde!
Wie alle anderen auch war ich als Landtagsabgeordnete, Sozialpolitikerin und Ärztin in den letzten Monaten fast nur mit den Geschehnissen
rund um die Pandemie beschäftigt. Als Abgeordnete haben wir in den ersten Wochen, seit dem Lockdown im März, per Telefon und Videokonferenz viele Fragen und Problemanzeigen von Unternehmen, Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen an den Krisenstab der Landesregierung weitergeleitet und darauf geachtet, dass sie bearbeitet wurden. Es war für die Beamten in den Ministerien eine Zeit größter Arbeitsintensität mit Arbeitstagen, die bis nach Mitternacht dauerten.
Alle haben an einem Strang gezogen.


Als alle anderen Fachausschüsse im Landtag aus Vorsicht zunächst keine Sitzungen gemacht haben, haben wir als Mitglieder des Sozialauschusses als einzige weitergetagt und jede Woche eine aktuelle Unterrichtung durch
Frau Ministerin Reimann oder die Leitung des Krisenstabes bekommen. Um die Auswirkungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bremsung, die allgemein englisch als Lockdown bezeichnet wird, für die Bevölkerung abzufangen, hat nicht nur die Bundesregierung schnell reagiert. Auch wir als Landesparlament haben bereits zwei Nachtragshaushalte mit beträchtlicher Schuldenaufnahme verabschiedet und ein „Corona“-Gesetz, das eine Grundlage für viele Massnahmen schafft, falls wir nach den Sommerferien eine zweite oder auch gar eine dritte Krankheitswelle erleben sollten.
Im Hintergrund, von der Öffentlichkeit noch unbeachtet, bereiten wir einen Sonderausschuss zur Pandemie vor, der voraussichtlich im Januar
2021 seine Arbeit aufnehmen und die Aufgabe haben wird, eine Analyse der Massnahmen im Jahr 2020 zu erstellen und eine Pandemieplanung für die Zukunft zu machen. Denn wir sind fest davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft mit Pandemien leben müssen. Es wäre gut, wenn wir durch kluge Planung und Vorkehrungen einen Lockdown in Zukunft vermeiden oder ihn zumindest abmildern könnten.
Für mich als Ärztin ist dieses Jahr eine herausfordernde, aber auch sehr spannende Zeit, in der ich alle meine Vorerfahrungen als studierte
Philosophin und Fachärztin für Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin, die viele Jahre als Palliativärztin gearbeitet hat, zum Einsatz bringen konnte und auch weiterhin kann.
In einer solch außergewöhnlichen Zeit liegt es nahe, auch in der Bibel nachzulesen, was dort über Seuchen und schwere Zeiten geschrieben
steht.
Im Buch Ezechiel (5, 5-17) steht ein sehr harter eben alttestamentarischer Text über Krankheiten im Rahmen der zweiten Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar. Ezechiel deutet den Tod vieler Menschen in Jerusalem durch die babylonischen Truppen, durch nachfolgenden Hunger und Krankheiten als Strafe Gottes.
Die Menschen sind selbst an ihrem Schicksal schuld. Ich glaube, es ist komplizierter. Infektionserkrankungen sind ein Bestandteil menschlicher Zivilisation, die mit Tierhaltung und dichter Besiedelung vor allem in Städten zusammenhängt. Hinzu kommen Reisen, Handelskontakte
und Militärbewegungen. Das ist aber keine neue Erscheinung. Die Menschen leben seit Tausenden von Jahren so. Dennoch haben wir Verantwortung für die Art wie wir leben.


Darüber denke ich in der Predigt am 20.9.2020 in Ihrer Gemeinde nach.


Dr. Thela Wernstedt