von Pastor Ujulu Tesso Benti

Psalm-Gebet 

1 Jauchzet Gott, alle Lande!
2 Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!
3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir, lobsinge deinem Namen.
5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, sie gingen zu Fuß durch den Strom; dort wollen wir uns seiner freuen.
7 Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, seine Augen schauen auf die Völker. Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.
8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen,
9 die unsren Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Predigt zu Johannes 15; 1-8
am Jubilate Sonntag den 3.5.20

Liebe Leserinnen und Leser!

Das aktuelle tödliche Coronavirus (COVID 19) macht alle Menschen ängstlich, bedroht unsere Existenz, verursacht eine wirtschaftliche sowie soziale Krise. Die Großeltern können ihre Enkelkinder nicht sehen oder besuchen. Viele Menschen müssen allein in einer engen Wohnung ohne Kontakt leben. Man kann ab und zu telefonisch mit Angehörigen oder Freunden sprechen, aber das kann nicht die Begegnungen oder den körperlichen Kontakt ersetzen. Wie lange wir den sozialen Kontakt vermeiden müssen, ist unklar. Viele Menschen – besonders die Wohlhabenden – dachten, dass sie allein bestimmen können, wie sie leben. Nun merken sie, wie wichtig das Gemeinschaftsleben ist. Viele Menschen leiden an der Einsamkeit. Sie sind ratlos, hilflos, unzufrieden und kraftlos und fragen: Woher bekomme ich die Kraft meines Lebens?  Diese Frage zeigt die menschliche Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens. Sie haben die Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich eine berühmte afrikanische Philosophie, die Ubunthu Umunthu heißt, vorstellen. Sie ist eine Lebensphilosophie, die in jeder Kultur Afrikas eine Bedeutung hat. Ubunthu umunthu ist Bantusprache (Chechewa in Malawi oder Xosa in Südafrika) und bedeutet „Ich bin wer ich bin, weil wir sind -und weil wir sind, deshalb bin ich“. Diese Philosophie zeigt, wie wichtig das Gemeinschaftsleben für afrikanische Völker ist.  Sie glauben, dass ein Mensch aus der Gemeinschaft von zwei Personen (weiblich und männlich) stammt, durch Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebt. Jede Afrikanerin und jeder Afrikaner versteht die Gemeinschaft als Quelle des Lebens, aus der man Kraft schöpfen kann. Ein Spruch in englischer Sprache lautet „Man is social animal“ – was bedeutet, dass der Mensch ein soziales Tier ist. Ohne Gemeinschaft gibt es kein Leben.  Wir brauchen die Gemeinschaft mit Gott und Miteinander, um zu leben und zu überleben.

Ähnliche Worte finden wir in dem Predigttext für den heutigen Jubilate-Sonntag.

Der Predigttext steht im Johannesevangelium 15, 1-8:
Hier schreibt der Evangelist Johannes, Jesus sprach:    

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Die Menschen, die zur Tituskirche gehören oder unsere Tituskirche besucht haben, wissen, wie der Weinstock und seine Reben aussehen und wie sie Früchte bringen. Vor einigen Jahren haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden an der südlichen Fassade der Tituskirche Weinbäume gepflanzt.  Vielen Dank an den pensionierten Ingenieur Herr Frank Bindert, der sich ehrenamtlich als Gärtner um diese Weinbäume kümmert. Damit der Weinstock gute Früchte bringen kann, schneidet Herr Bindert die trockenen oder toten Reben ab und wirft sie weg. Die Reben, die Früchte bringen, sind mit dem Weinstock sowie miteinander verbunden.

Wer die Verbindungen zwischen Reben und Weinstock beobachtet hat, kann die bildliche Sprache Jesu in dem Text aus Johanes 15, 1-8 verstehen. Diese bildliche Sprache vom Weinstock und den Reben hat über Jahrhunderte das Christentum begleitet. Trotzdem ist es schwierig, alle Sätze von Johannes heute im 21. Jahrhundert zu verstehen und mit unserem christlichen Glauben zu verbinden. Wir können den ersten Teil des Textes (Joh 15, 1) , die positive Aussage Jesus, die lautet: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner“, gut verstehen, mit unserem christlichen Glauben assoziieren und akzeptieren. Aber es kommt der zweite Teil, wo Johannes schreibt: Eine jede Rebe, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.“ (Joh 15,2). Diesen Teil finde ich problematisch und schwierig zu verstehen. Das hört sich wie eine Drohung an, damit die Menschen in der Gemeinschaft des Christentums bleiben.

Liebe Gemeinde!

Wir Lutheraner verstehen, dass Jesus niemanden gezwungen hat, in seiner Gemeinschaft zu bleiben. Freiwillig treten wir in die Gemeinschaft der Christenheit ein und keiner droht uns, wenn wir diese Gemeinschaft verlassen. Das machen nur Sekten. Die oder der die Gemeinschaft einer Sekte verlassen möchte, bekommt oft schlimme Drohungen.

Und in diese Ecke möchte ich uns als christliche Gemeinde nicht stellen. Hier möchte ich eine Frage stellen: Woher weiß ich denn, dass ich alles dafür getan habe, dass ich wie eine gute Rebe bei Jesus, dem Weinstock, bleiben kann? Wer befindet darüber, ob ich gut genug bin und genug Frucht bringe? Ich fühle plötzlich die Augen Gottes auf mich gerichtet – und es sind keine wohlwollenden, sondern prüfende Augen. Das finde ich schwierig.

Ich will Johannes zugutehalten, dass er das Wirken von Jesus und auch Jesus selbst immer in einer doppelten Weise verstanden hat. Johannes versteht, dass die ganze Welt eingeteilt ist. Er sieht die Welt als Licht und Finsternis, als Geist und Fleisch, als Rein und Unrein. Wer bei Jesus ist, gehört zum Reinen und wer nicht, gehört auf die andere Seite oder zum Unreinen. Johannes sieht kein Mittelding, sondern entweder – oder. Entweder bist du ganz im Gottesreich oder draußen.

Meinen Dank an andere Evangelisten wie Matthäus, Markus und Lukas, die Jesus anders beschreiben. Für sie ist die Welt nicht in Gute und Böse eingeteilt. Jesus hat auch keinen Unterschied zwischen „Unrein und Rein“ gemacht. Alle gehören zu seiner Gemeinschaft. Er war sogar an der Seite der „unreinen“ Menschen.  Er hat sich den Aussätzigen und den Sündern zugewandt. Das heißt, alle Menschen hatten das Recht in die Gemeinschaft freiwillig einzutreten. Die die Gemeinschaft verließen, bekamen auch keine Drohungen. Durch seine Zuwendung hat Jesus Aussätzige, Lahme, Blinde, Sünder und Zöllner wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen zurückgeholt.

Dieses waren Menschen, die überhaupt erst mal wieder in die Verbindung mit Jesus, dem Weinstock, gebracht werden mussten. Deswegen bleibe ich bei den positiven, den stärkenden Aussagen des Bibeltextes. Und ich bringe sie in Verbindung mit einer Frage, die jeden Menschen umtreibt: Wohin gehöre ich? Und woher bekomme ich meine Kraftquellen?

Die biblische Antwort dazu steckt in dem zentralen Satz des Textes: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ (Joh 15,5)

Dadurch werden alle Menschen in die Gemeinschaft eintreten und mit vielen Menschen und mit ihrem Gott in Verbindung bleiben. Die Verbindung mit Gott kann uns Menschen stark machen. Durch den Corona-Virus hat sich unser alltägliches Leben geändert. Wir müssen Abstand halten, soziale Kontakte vermeiden und oft verbringen wir unsere Zeit zuhause. Diese einsamen Menschen fragen, woher sie Kraft bekommen. Die Antwort finden wir in unserem Predigttext. Unsere Kraftquelle ist die Gemeinschaft der Christenheit. Durch unsere Taufe sind wir alle in diese Gemeinschaft eingetreten. Im Moment ist die persönliche Begegnung oder der körperliche Kontakt eingeschränkt, aber geistig sind wir immer zusammen und das hilft uns allen. Meine Kraftquelle ist die Gemeinschaft, die mich aufbaut und stärkt. Das bedeutet nicht, dass ich jederzeit andere Menschen um mich haben muss. Im Gegenteil, ich muss auch für mich allein sein können. Aber es ist gut, wenn ich weiß, dass Menschen an mich denken. Nicht nur an mich denken, sondern auch für mich beten – und mir das dann auch sagen. Das geht für mich über eine normale Gemeinschaft von Menschen hinaus: Es sind Menschen, die wissen, was der Glaube an Jesus Christus bedeutet. Ich kann mich mit ihnen darüber austauschen. Dann verstehen wir den ersten Satz von Johannes 15 und bekennen: dass Jesus unser Weinstock ist, dass wir seine Reiben sind; dass wir in Jesus bleiben und er in uns bleibt, und dass wir viel Frucht bringen. Dazu verhelfe uns Gott. – Amen. 

Credo (Glaubensbekenntnis)  

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;   
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die Heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen

Fürbittengebet/Vaterunser/Segen

Guter Gott, die Verbindung zu dir hält uns am Leben.

Wir bitten dich, dass du uns und alle Menschen begleitest, die wegen Corona-Krise einsam geworden und die Verbindung zu dir und zu den Menschen dringend brauchen. 

Wir bitten dich für die Armen und Benachteiligten, dass sie durch tätige Nächstenliebe wieder eine Verbindung zum Leben bekommen.

Wir bitten für die Kranken und Sterbenden, dass sie trotz Schmerzen und Angst die Verbindung zu dir nicht aufgeben.

Wir bitten für die Verfolgten und auf der Flucht befindlichen Menschen, dass sie sicher leben können und eine neue Heimat bekommen.

Wir bitten für unsere Kirchen und Gemeinden, dass sie die Verbindung mit dir immer neu suchen und davon den Menschen weitersagen können.

Wir bitten dich auch für uns, die wir so oft die Verbindung zu dir verlieren und uns wieder nach dir sehnen. Sei uns nahe, heute und jeden Tag. Gemeinsam beten wir wie unser Herr uns gelehrt hat.

Vater Unser

Vater unser im Himmel;
geheiligt werde dein Name;
dein Reich komme;
dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute;
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit,
in Ewigkeit.
Amen.

Segen 

Gott der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht über dich
und gebe dir Frieden.  Amen.