Quasimodogeniti (wie die neugeborenen Kinder)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Barmherzigen:
Dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Predigt zu Kolosser 2, 12 – 15

12 Mit Jesus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Inga Mertens schreibt in ihr Tagebuch: „Ich bin müde, aber auch unruhig. Diese Tage allein in der Wohnung sind so zermürbend. Erst konnte ich noch nicht so richtig an eine Gefahr durch den Virus glauben, aber allmählich haben mich die Nachrichten ganz kirre gemacht. Jetzt höre ich schon kein Radio mehr und sehe nicht mehr fern. Es kommt ja kaum noch etwas anderes vor als diese ständige Bedrohung durch einen unsichtbaren Erreger. Sonst bin ich gern einkaufen gegangen und war auch immer gern draußen, aber jetzt bin ich froh, wenn ich halbwegs sicher zu Hause angekommen bin. Nur – da bin ich so einsam. Und Telefongespräche – auch Skypen – können den wirklichen, direkten Kontakt nicht ersetzen. Und immer die Angst vor einer Infektion! Wenn ich nur wüsste, wann das Leben wieder normaler wird! Aber das kann mir ja niemand sagen. Ich fühle mich hilflos, einsam, ratlos. Das kann doch nicht immer so bleiben!“
Inga Mertens ist eine selbstbewusste Frau, beruflich erfolgreich. Zurzeit ist ihr Mann beruflich im Ausland, ihre Kinder leben nicht mehr zu Hause. So ist sie allein in der Wohnung isoliert. Noch vor vier Wochen hat sie sich nicht im Traum vorstellen können, dass ihr Leben einmal so verlaufen könnte, wie das jetzt der Fall ist. Alles, was gestern noch sicher und selbstverständlich erschien, ist ins Wanken geraten. Allein mit sich, gelingt es ihr nur schwer, mit diesem seltsamen neuen Leben umzugehen. Das ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen. Inga Mertens ist nur realistisch und sieht die Dinge, wie sie sind.

Aber was kann denn helfen, wenn die Welt aus den Fugen gerät und niemand da ist, der direkt zur Seite stehen kann? Einfache Lösungen gibt es nicht. Der Beatle Paul McCartney verlor seine Mutter im Alter von 14 Jahren. Sehr früh also, gerade in der Pubertät ist ein solcher Verlust schwer zu ertragen. Aber die Mutter hatte ihm etwas hinterlassen, was tief in seinem Gefühl nicht verloren ging. Ihre Liebe war wie ein Schutzschild gegen das Scheitern und den Verlust im Leben. Das beschreibt er in dem Lied „Let it be“: „Wenn ich in Not gerate, kommt Mutter Mary zu mir. Auch in meinen dunkelsten Augenblicken ist sie da und tröstet mich. Sie sagt: „Lass es geschehen.“ Paul McCartney ist sicherlich ein Mensch, der in seinem Leben viel Erfolg und Glück hatte, beruflich und auch privat. Aber es gab auch schwere Erlebnisse: Die Trennung der Beatles 1970 und der Tod seiner ersten Frau Linda belasteten ihn schwer. Und doch half ihm die Erinnerung an die Liebe seiner Mutter, die schon lange nicht mehr da war, mit der er nicht mehr reden konnte. Es ist, als ob Paul McCartney diese Liebe wie einen Schatz in sich trägt, von dem er Halt bekommt, wenn er ihn braucht. Unsichtbar, unhörbar ist dieser Schatz an Liebe. Aber für Paul McCartney ist er real und hilft ihm.

Wer Freunde hat, Menschen, von denen er geliebt wird und die er selbst auch liebt, trägt so einen Schutz wie Paul McCartney in sich. Aber Menschen können enttäuschend sein, im entscheidenden Moment falsch reagieren. Oder sie sind schlicht überfordert und mit sich selbst beschäftigt. Jetzt in der allgemeinen Gefährdung und Isolation durch die Corona-Krise geht es sicher vielen Menschen so. Das kann ein auch Grund sein, warum Inga Mertens ihre Freunde nicht als wirkliche Hilfe und Unterstützung erlebt. Der Schutz, den Menschen einander geben kann, stößt letztlich an Grenzen.

Über eine Begleitung, eine Unterstützung auch in dunkelsten Zeiten schreibt der Apostel Paulus an die Kolosser. Er erinnert sie: Jesus ist immer bei ihnen, er begleitet sie in jedem Moment. In leidenschaftlichen Worten schildert er, wie Jesus Menschen begleitet. Er geht mit ihnen durch alles, was das Leben ihnen bringt: Der große Schritt der Taufe, in dem sie ihr altes Ich zurücklassen und sich Gott zuwenden. Paulus beschreibt das als Sterben in der Taufe und Auferstehen in ein neues Leben. Jesus ist vorangegangen, er hat die Last der menschlichen Schuld auf sich genommen und setzt Vergebung dagegen. Und weil Jesus über alle menschliche Macht gesiegt hat, kann er auch jeden Menschen befreien und mitnehmen in seine Welt, in der Liebe und Verzeihung herrschen.

Das klingt gut, ist aber nicht einfach zu verstehen. Sich an einen Menschen zu erinnern wie Paul McCartney an seine Mutter und die Erinnerung an ihre Liebe als Hilfe in der Not wahrzunehmen, ist leicht vorstellbar. Die Mutter war ja ein leibhaftiger Mensch, sie hat ihren Sohn in den Arm genommen, mit ihm gesprochen. Auch wenn sie jetzt nicht mehr da ist, Paul McCartney ist ihr in der wirklichen Welt, die alle Menschen erleben, begegnet. Sie ist eine reale Erfahrung für ihn, das hat sich tief in seine Gefühle und damit in seine Erinnerung eingegraben. Gott in der Gestalt von Jesus hat keiner seit Jesu Tod so leibhaftig erleben können. Wie soll jemand, der mir nie begegnet ist, über den ich nur gelesen habe, in jeder Situation Hilfe, Sicherheit und Vertrauen bedeuten?

Es gibt Beispiele von Menschen, die Jesus als Halt, als Rettung in ihrem Leben wahrgenommen haben. Einer ist zum Beispiel Paulus selbst. Zu Jesu Lebzeiten hat er sich offensichtlich nicht für ihn interessiert. Als aber die Jünger nach Jesu Tod ihn als Messias, als Retter aller Menschen darstellen, lehnt er diese neue Lehre entschieden ab. Mit seiner ganzen Energie verfolgt er die Christen und nimmt auch an Hinrichtungen teil, die wegen des christlichen Glaubens erfolgen. Paulus fühlt sich im Recht, er hat kein Mitgefühl mit den verfolgten Christen. Dann begegnet er auf einer Reise durch die Wüste einer Erscheinung: Er hört Jesu Stimme, die ihn fragt, warum er die Christen verfolgt. Paulus ist zutiefst erschüttert, er verliert vorübergehend sogar das Augenlicht. Aber seine Einstellung hat sich gewandelt: Durch die Begegnung mit Jesus ist er zum Christen geworden. Den Rest seines Lebens widmet er der Aufgabe, das Christentum zu verbreiten. Er gründet viele Gemeinden, ist ständig auf Reisen. Er wird verfolgt, auch innerhalb der Christenheit hat er Feinde. Aber nichts bringt ihn von seiner Aufgabe ab, die Botschaft Jesu zu verbreiten. Am Ende stirbt er selbst im Rahmen der Christenverfolgung. Dieses Schicksal nimmt er ruhig an. Die Macht Jesu reicht über die Macht dieser Erde hinaus, diesen Glauben hat er nicht nur anderen gepredigt, er trägt ihn in sich. Paulus hat die verlässliche Nähe und Begleitung durch Jesus erlebt, das trägt ihn durch alle Höhen und Tiefen seines Lebens.

Paulus ist Jesus selbst zwar zu dessen Lebzeiten zwar nie begegnet, aber vielen Menschen, die Jesus gut gekannt haben. Und er hatte das Erscheinungserlebnis mit Jesus. Für uns heute liegt die Zeit Jesu 2000 Jahre zurück. Kann da der Glaube, von dem Paulus schreibt, noch so lebendig werden? Dafür gibt es Beispiele. Eines ist die Geschichte des Pastors Uwe Holmer. Pastor Holmer leitete zu DDR-Zeiten die Hoffnungstaler Anstalten, eine Einrichtung, die zu den Bodelschwingschen Anstalten gehört. Er hatte mit seiner ersten Frau zehn Kinder. Nach dem Tode der Frau heiratete er noch einmal und kümmerte sich auch um die fünf Kinder, die seine zweite Frau mit in die Ehe brachte. An seinen Kindern erlebte er bitter das Unrecht in der DDR. Keines von ihnen durfte auf ein Gymnasium gehen. Das hatte nichts mit den Neigungen oder Fähigkeiten der Kinder zu tun. Sie waren nicht in der FDJ, der kommunistischen Jugendorganisation, das reichte schon. Ich kann mir vorstellen, dass das zu Diskussionen, auch Wut in der Familie geführt hat. Eine solche Ungerechtigkeit ist schwer zu ertragen. Dann kam die Wende. Und die ehemaligen Regierenden der DDR waren auf einmal nicht mehr durch ihre Macht geschützt. Die Menschen, die jahrzehntelang unterdrückt worden waren, reagierten zum Teil mit Wut. Es konnte bedrohlich werden für diejenigen, die eben noch alle Rechte und Privilegien hatten. Im Januar 1990 wurde die Wohnsiedlung Wandlitz wurde aufgelöst. Das Ehepaar Honecker brauchte dringend eine Wohnung, fand aber keine. Da erhielt Uwe Holmer eine Anfrage, ob er Honeckers nicht für einige Zeit aufnehmen könne. Uwe Holmer sagte später, erst habe er schon gezögert, auch die Familie war nicht begeistert, aber dann kamen sie überein, es doch zu tun. Honeckers zogen bei ihnen ein. Die Öffentlichkeit reagierte nicht freundlich. Holmer erzählt in einem Interview davon: „Ein Gemeinderat aus Thüringen rief an: „Wir sind empört, dass Sie den Mann, der uns die Karriere verdorben hat, im Pfarrhaus aufnehmen.“ Als ich erklärte, dass wir es uns lange überlegt hatten, aber meinten, wir sollten die neue Zeit nicht mit Hass und Verachtung beginnen, sondern mit Versöhnung, sagte mein Gegenüber: „Wenn Sie sich das richtig überlegt haben, dann soll es so sein.“ Viele reagierten aber auch anders. Das Haus von Pastor Holmer war ständig belagert: Von Journalisten, die Fotos machen wollten, von Demonstranten, die ihre ganze Wut auf die Honeckers herausschrien und überhaupt kein Verständnis für Uwe Holmer hatten. Pastor Holmer und seine Familie ließen sich nicht beeinflussen. Der Kontakt zu den Honeckers war freundlich. Freunde worden Holmers und Honeckers nicht, aber sie redeten über alltägliche Dinge miteinander. Mehr nicht. Vom 30.1.1990 bis zum 3.4.1990 blieben Honeckers bei den Holmers, dann reisten sie in die UdSSR, wo Honecker ärztlich betreut werden konnte. Pastor Holmer hat das Willkürregime der DDR immer scharf kritisiert. Aber in der Nachfolge Jesu sah er in den Honeckers einfach nur Menschen in Not. Und denen wollte er helfen. Sein Glaube trug ihn durch sein Leben: Durch die schweren Zeiten der Benachteiligung, die ihn nicht verbittern konnte. Und der Glauben verhinderte, dass er selbstgerecht wurde und hasste. Pastor Holmer zeigt, dass die Gegenwart Jesu tatsächlich erlebbar ist – heute so lebendig wie vor 2000 Jahren.

Gott macht durch Jesus ein Angebot. Er ist den Menschen nahe, er will sie durch ihr Leben tragen, wie es auch gerade ist. Das Angebot gilt damals wie heute. Jesus hat gesagt: „Wer mich mit ganzem Herzen sucht, von dem werde ich mich finden lassen.“ Paulus, Pastor Holmer mit seiner Familie und viele andere Christen, die gar nicht so bekannt geworden sind, haben das erfahren und diese Erfahrung vorgelebt. Lasst uns darum bitten, dass Gott jedem von uns die Erfahrung dieser Nähe schenkt, die auch in der größten Not Kraft schenken kann. Dann verliert die Corona Krise zwar nicht ihre Schrecken, aber mit Gottes Hilfe bekommen wir die Kraft, damit fertig zu werden. Das wünsche ich Ihnen allen – und mir selbst auch.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne, in Christus Jesu, Amen.