Andacht zum Karfreitag von Otfried Krüger

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3, 16)

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?
Was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten?
Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet,
ins  Angesicht geschlagen und verhöhnet,
du wirst mit Essig und mit Gall getränket, ans Kreuz gehenket.
Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.
Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!
Der gute Hirte leidet für die Schafe,
die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte.
Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt,
der Böse lebt, der wider Gott gehandelt,
der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, Gott wird gefangen.
(EG 81)

Zweiter Brief des Paulus an die Korinther

Kapitel 5

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben.

15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.

17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Die Liebe Christi drängt uns – schreibt Paulus –  der ganzen Welt zu sagen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Es ist ja für alle Menschen von größter Bedeutung. Was könnte wichtiger sein, als versöhnt zu sein mit dem ewigen, allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, von dem alles Leben ist, der Anfang und Ende in seiner Hand hat!

Es ist ein unfassbares Glück, dass dieser Gott voll Liebe, Barmherzigkeit und Güte ist.

Schnell ist er zur Versöhnung bereit. Und mit ihm versöhnt sein, bedeutet Hoffnung, Zukunft, Frieden.

Wir haben es sehr nötig, mit ihm versöhnt zu werden. Denn alles Böse schafft eine unversöhnliche Kluft zwischen uns und Gott. Wir sind böse. Zwecklos, wenn wir es leugnen. Und die Kluft ist viel zu breit und tief, als dass wir sie überwinden könnten.

Das muss ein anderer für uns tun. Ein anderer, nämlich Jesus Christus, ist „für uns zur Sünde gemacht“. Er hatte von sich aus überhaupt keine Sünde an sich.

Er hat alle unsere Sünde, all unser Böses, auf sich genommen.

So wurde er unschuldig zum allergrößten Sünder. Als solcher musste er den schlimmsten Verbrechertod sterben. Das Schlimmste dabei ist nicht einmal, dass unwissende oder bösmeinende Menschen ihn umgebracht haben. Das Schlimmste ist, dass über Jesus Gott, sein Vater, mit dem er in engster Verbindung steht, dieses Urteil gesprochen hat. Das Urteil von menschlichen Instanzen ist auf der Erde geschehen. Das Urteil Gottes ging dem voraus und geschah im Himmel. Nicht etwa, weil es Gott gefiel. Es war in ihm ein großer Schmerz – in Jesus hat er sich selbst verurteilt!. Aber als Jesus starb, war die Sünde erledigt – nicht seine, unsere Sünde! Unseretwegen ist er gestorben. Die Sünde, das Böse, steht nicht mehr zwischen uns und Gott.

Das müssen wir nur noch begreifen. Und bejahen! Gottes Hand ist ausgestreckt,

wir müssen sie nur noch ergreifen. Das allerdings ist nötig, damit die Versöhnung wirksam werden kann. Zu einer Versöhnung gehören beide Seiten. Gott ist bereit. Jesus hat alles getan, damit eine Versöhnung möglich wird. Unser Teil ist es, an diesen Gott, an diesen Jesus zu glauben und die Versöhnung anzunehmen.

Die Versöhnung mit Gott verändert uns. Wir sind immer noch anfällig für alles Böse.

Aber wir werden von ihm nicht mehr beherrscht und völlig in Beschlag genommen.

Wir sind „neue Menschen“. Wir gehören zu Jesus Christus. Wir hören auf ihn, auf Gottes Wort. Wir lassen uns von ihm leiten und formen. Wir lernen in der Schule des Sohnes Gottes. Und wir freuen uns auf eine Ewigkeit mit Gott.

In Gemeinschaft mit der Sünde haben Menschen nur eine sehr begrenzte Zeit zur Verfügung. Mit Gott leben sie ewig. Darum ist die Botschaft für alle, auch für uns alle, so wichtig: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Amen. 

1. Nachtrag:

Als Jesus vor das römische Gericht in Jerusalem gestellt wurde – Richter war Pontius Pilatus – machten sich die römischen Soldaten einen Spaß daraus, den Angeklagten nicht nur zu foltern, sondern auch zu verhöhnen. Sie „verehrten“ ihn als „König“. Sie flochten eine Dornenkrone und drückten sie ihm aufs Haupt, bis es blutete (Joh. 19, 2).

„Dornenkrone“ heißt in der lateinischen Übersetzung der Bibel „corona de spinis“.

Das ist kein Virus, keine Infektion, sondern ein Marterwerkzeug, ein Beispiel für menschliche Brutalität. Die hat es immer gegeben und gibt es bis heute. Nicht nur in fernen Ländern, in Kriegsgebieten, sondern – in anderer Weise – auch bei uns, in Häusern und Wohnungen oder auf der Straße. Oft sind es Frauen und Kinder, die am meisten zu leiden haben. Viele Christen und Christinnen in der Welt sind Verfolgungen ausgesetzt oder werden sogar wegen ihres Glaubens ermordet. Die „corona de spinis“ ist ein Zeichen für die Leiden und die Ungerechtigkeit in der Welt, die durch Menschen verursacht werden. Jesus gehört für alle Zeit zu den Leidenden.

Dass in dieser Passionszeit die Corona-Krise sich weltweit ausgebreitet hat, ist ein Zeichen, das nachdenklich stimmt. Wenn Ungerechtigkeit und Gewalt in dem Maße eingeschränkt würden, wie die Menschheit es jetzt bei dem Virus versucht, würde es in der Welt wohl besser aussehen. Ob Gott genau das erwartet?  

2. Nachtrag:

Schon der Prophet Jesaja (Jes. 26, 20) kennt Zeiten, in denen das Wichtigste ist, sich zu schützen:

„Geh hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür hinter dir zu!

  Verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe.“

Das trifft unsere derzeitige Situation recht gut. Wir ziehen uns zurück, wir halten Abstand.

Wir „verbergen“ uns. Das Wichtigste ist zur Zeit, dass wir uns nicht anstecken und dass wir andere nicht anstecken. Auch diese Zeit ist uns von Gott gegeben. Sie wird vorübergehen. Was werden wir daraus lernen?