Pastor Krüger war im Kontaktstudium

… diesen Traum nach vielen Jahren des Studiums konnte ich mir erfüllen. Die Landeskirche bietet Pastoren und Pastorinnen, auch Diakonen und Diakoninnen, nach einer bestimmten Zahl von Arbeitsjahren an, für ein Semester an die Universität zurückzukehren.

Der Sinn für ein solches Angebot ist vielfältig. Es ist die Gelegenheit, Kontakt mit heutiger Theologie aufzunehmen, nicht nur durch Bücher, sondern durch Seminare und Vorlesungen, durch Gespräche mit Lehrenden, jungen Studierenden und Kollegen und Kolleginnen. Es ist auch die Gelegenheit, zu entspannen und Interessen nachzugehen, die dem Berufsleben oft zum Opfer fallen.

Zusammen mit drei Kollegen und vier Kolleginnen aus verschiedenen Orten im Bereich unserer Landeskirche und aus verschiedenen kirchlichen Arbeitsbereichen konnte ich im letzten Wintersemester dieses Angebot in Göttingen annehmen. Wir (mit einer Ausnahme) wohnten die Woche über im Ev. Studienhaus, unter einem Dach mit jungen Studierenden.

Was wir tun wollten – darin waren wir frei. Ich habe mich in der Theologischen Fakultät dem Alten Testament zugewendet, fleißig Psalmen aus dem Althebräischen übersetzt – aber auch einen Kurs im Neuhebräischen belegt, das heute in Israel gesprochen wird. In der Praktischen Theologie widmete ich mich den Kirchenräumen. Was ist eigentlich ein Kirchenraum, was macht ihn aus, was lässt sich innen und außen an ihm alles beobachten, wie ist es soziologisch und theologisch zu bewerten? Der Höhepunkt war eine Exkursion nach Dresden zur eingehenden Besichtigung der Frauenkirche. Außerdem interessierte mich eine Vorlesung über Christologie, gehalten von der einzigen Professorin in der Fakultät, mit viel Martin Luther im Inhalt. Zur (evangelischen) Theologischen Fakultät ist zu sagen, dass in ihr etwa 500 junge Leute studieren, die entweder ins Pfarramt oder in den Schuldienst wollen.

In früheren Jahren sind es 2000 gewesen. Das Interesse hat also erheblich nachgelassen. Das hat sicher etwas mit den schrumpfenden Kirchen zu tun, mit nachlassendem Glaubensinteresse bei jungen Menschen und mit (im Vergleich zu früher) weniger Pastorenkindern (von denen früher meist eines Theologie studierte). Aber vielleicht auch damit, dass sich der Pastorenberuf als nicht allzu attraktiv dargestellt hat mit manchmal zeitlich ausufernden Belastungen.

Im Unterschied zu früher habe ich aber mit Freude festgestellt, dass der Glaube bei den Lehrenden deutlicher erkennbar ist. In den 70er Jahren war das anders, auch unter den Studierenden.

Ich habe aber nicht nur Theologie gemacht, meine Kollegen und Kolleginnen auch nicht. Wir konnten zusätzlich in andere Bereiche hineingehen. Ich habe an einem Proseminar in der Archäologie teilgenommen, ein Fach, das mich sehr interessiert, sowie an einer Vorlesung in der Sprachwissenschaft, der Indogermanistik, die mich auch schon lange beschäftigt, aber eben nur nebenbei und sporadisch. Eine Vortragsreihe über ein kunstgeschichtliches Thema, die mein jüngster Bruder gestaltete, war für mich gewissermaßen familiäre Pflicht, aber darüber hinaus auch sehr interessant. Ich konnte geistig spazieren gehen, ohne Prüfungen, ohne Leistungsdruck, aber mit viel Gewinn, mit der Möglichkeit, aufzutanken und frische Motivation für das weitere berufliche Arbeiten zu sammeln.

Es hat gut getan. Es war auch schöner als mein „wirkliches“ Studium in jungen Jahren. Dass in meinem Beruf eine solche Erfahrung möglich ist, spricht doch wiederum für den Pastorenberuf.